Kurzdefinition

Die Bildungssoziologie beschäftigt sich im weitesten Sinne mit der Bedeutung (das heißt dem Stellenwert und den Folgen), die Bildung und Erziehung für Gesellschaften als Ganzes und für die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft hat. Sie untersucht die gesellschaftlichen Grundlagen von und Einflüsse auf Erziehung und Bildung sowie deren Auswirkungen. Der Bildungssoziologie geht es darum, die gesellschaftlichen (ökonomischen, politischen, sozialstrukturellen und kulturellen) Rahmenbedingungen zu untersuchen, in denen Bildung stattfindet (vgl. Teltemann 2019, S. 23.)

Die Bildungssoziologie ist eine der vielen sogenannten „speziellen Soziologien“, die sich mit konkreten und zentralen gesellschaftlichen Gegebenheiten befassen. Andere spezielle Soziologien sind zum Beispiel die Familiensoziologie, die Kriminalsoziologie, Wirtschaftssoziologie oder politische Soziologie. In den einschlägigen Lehrbüchern und in der institutionellen Verankerung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ist die Bildungssoziologie als „Soziologie der Bildung und Erziehung“ bezeichnet. Die Bildungssoziologie beschäftigt sich im weitesten Sinne mit der Bedeutung (das heißt dem Stellenwert und den Folgen), die Bildung und Erziehung für Gesellschaften als Ganzes und für die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft hat. Sie untersucht die gesellschaftlichen Grundlagen von und Einflüsse auf Erziehung und Bildung sowie deren Auswirkungen. Schon die Gründungsväter der Soziologie haben die Bedeutung von Bildung und Erziehung für die Entwicklung von Gesellschaften untersucht. Um über die gesellschaftlichen Grundlagen der Erziehung aufzuklären, hat zum Beispiel Émile Durkheim dafür plädiert, Soziologie als Bestandteil der LehrerInnenausbildung zu etablieren. Der Bildungssoziologie geht es also darum, die gesellschaftlichen (ökonomischen, politischen, sozialstrukturellen und kulturellen) Rahmenbedingungen zu untersuchen, in denen Bildung stattfindet. Deshalb liegt ein Fokus der Bildungssoziologie zum Beispiel auf der Beschreibung und Erklärung der Entstehung und Entwicklung von Bildungssystemen.

Es geht aber auch darum, zu untersuchen, was in einer Gesellschaft als „Bildung“ definiert und anerkannt wird, was als Zweck und Funktion von Bildung angesehen wird und wie diese Bildung erlangt wird. Konkret heißt das in unseren modernen Gesellschaften  zum Beispiel zu untersuchen, welche Möglichkeiten der Lebensgestaltung („Lebenschancen“) mit welchem Bildungsniveau verknüpft sind, inwieweit und warum sich Bildungsergebnisse zwischen verschiedenen Geschlechtern, oder zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden, und wie sich die Ziele und Maßnahmen von Bildungspolitik mit der Zeit verändert haben.

Die Bildungssoziologie sucht also nach kollektiven Phänomenen (Strukturen und Regelmäßigkeiten), die im Zusammenhang mit Bildungsprozessen auftauchen, oder die sich auf Bildungsprozesse zurückführen lassen, und beschreibt (und ggf. erklärt) diese mithilfe von soziologischen Theorien und Methoden. Sie ist dabei ebenso heterogen in Bezug auf ihre Perspektiven und theoretischen Blickwinkel wie die allgemeine Soziologie. Ein zentraler Gegenstand der Bildungssoziologie ist die sogenannte Bildungsungleichheit. Bildungsungleichheit im soziologisch relevanten Sinn liegt vor, wenn Bildungsergebnisse – zum Beispiel Kompetenzniveaus oder Schulabschlüsse – in der Bevölkerung ungleich verteilt sind, und diese Ungleichheit nicht auf „natürliche“ Ursachen wie Intelligenz oder Fleiß zurückgeht, sondern systematisch in Zusammenhang steht mit individuellen Merkmalen wie Geschlecht, Migrationshintergrund oder der sozialen Schichtzugehörigkeit. Diese Merkmale werden als „zugeschrieben“ (im Sinne von angeboren und nicht erworben) bezeichnet.

Der Zusammenhang von Bildungsergebnissen und solchen zugeschriebenen Merkmalen wird in modernen Gesellschaften als illegitim und deshalb problematisch betrachtet, da die zugeschriebenen Merkmale durch die betroffenen Personen kaum veränderbar sind. Deshalb wird in diesem Zusammenhang häufig auch von Chancenungleichheit gesprochen, bzw. die Forderung nach Chancen- oder Bildungsgerechtigkeit gestellt.

Die Bildungssoziologie widmet sich also auch zentralen Fragen der allgemeinen Soziologie, die ja unter anderem untersucht, wie moderne Gesellschaften strukturiert sind, d.h. welche Personen aufgrund welcher Eigenschaften bestimmte Positionen in einer Gesellschaft einnehmen – und wie soziale Ungleichheit begründet und damit gesellschaftlich akzeptiert wird. Bildung und Erziehung spielen für das Funktionieren von modernen Gesellschaften eine große Rolle. Erziehung stellt zum Beispiel sicher, dass für den Fortbestand und die Integration von Gesellschaften wichtige Verhaltensweisen von einer Generation an die andere weitergegeben werden. Zudem ist in modernen „Wissensgesellschaften“ ein bestimmtes Bildungsniveau eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche und langfristig sichere Teilhabe am Arbeitsmarkt. Bildung, Beruf und Einkommen sind wichtige Bestimmungsfaktoren („Determinanten“) der Position in der Sozialstruktur einer Gesellschaft, die eine Person einnimmt und aus der sich wiederum ein bestimmtes Niveau an Einfluss und Ansehen für diese Person ergibt. Bildung spielt also eine wichtige Rolle für sozialen Aufstieg – im Sinne von sich zwischen Generationen („intergenerational“) verändernden gesellschaftlichen Positionen[1] – und für die Integration, also der Einbindung von einzelnen Personen in die Gesellschaft und damit schließlich für den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft.

Die Bildungssoziologie beschäftigt sich entsprechend mit Themen, die nicht nur aus der Perspektive der Soziologie relevant sind, sondern auch von anderen Wissenschaftsdisziplinen bearbeitet werden. Prozesse des Bildungserwerbs, des Lernens, werden zum Beispiel vorrangig in der Psychologie und der Erziehungswissenschaft untersucht, die Bedeutung von Bildung für die Gesamtgesellschaft ist auch ein Thema für die Ökonomie, die Gestaltung von Bildungspolitik interessiert die Politikwissenschaft, usw.. Die Bildungssoziologie ist somit Teil der interdisziplinären Bildungsforschung und ihre Erkenntnisse und Forschungsfragen sind in diese diffundiert. Möchte man die Bildungssoziologie innerhalb der interdisziplinären Bildungsforschung als eigenständige Perspektive identifizieren, lässt sich das starke Interesse an Ungleichheiten beim Bildungserwerb und an ihren Ursachen hervorheben.

Die Bildungssoziologie informiert andere Bildungswissenschaften insbesondere darüber, warum es bestimmte Muster von erfolgreichen oder scheiternden Bildungskarrieren gibt. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk der Soziologie auf den sogenannten institutionellen Ursachen, also nicht vorrangig auf den individuellen Bedingungen von Bildungserwerb (wie Motivation und Grundfähigkeiten). Institutionelle Ursachen von Bildungsungleichheit sind zum Beispiel durch Merkmale von Bildungssystemen (wie ihre Gliederung in verschiedene Schulformen oder den Grad ihrer Privatisierung) bedingt. Die Soziologie hat entsprechend umfangreiches Wissen über die Entstehung, Eigenheiten und Entwicklung von Bildungssystemen hervorgebracht.

Wie oben gezeigt wurde, gehört es zum Programm der Soziologie, scheinbar selbstverständliche und alltägliche Gewissheiten zu hinterfragen. Somit könnte zum Beispiel die Bildungssoziologie hinterfragen, ob das, was innerhalb der Bildungsforschung als notwendige Bildungsziele definiert wird (z. B. bestimmte Kompetenzniveaus) auch tatsächlich gesellschaftlich notwendige Fähigkeiten sind. Mit ihrer Perspektive kann die Bildungssoziologie zum Beispiel (angehende) PädagogInnen über die Bedingungen und auch über unbeabsichtigte Folgen ihres Tuns informieren.

[1] Die intergenerationale Veränderung von sozialem Status wird in der Soziologie als soziale Mobilität bezeichnet.
Es ist ein weiteres Definitionskriterium von modernen Gesellschaften (siehe Fussnote 1), dass es soziale Mobilität gibt.

Über die Autorin:

Prof. Dr. Janna Teltemann

Professur für Bildungssoziologie
Institut für Sozialwissenschaften
Stiftung Universität Hildesheim

Forschungsschwerpunkte

Bildungsungleichheit, Bildungspolitik, Migration, Integration, empirische Stadtforschung, quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung