Kurzdefinition

Es existiert weder in Deutschland noch woanders eine Theorie des Transnationalismus. Die vielen bisherigen Definitionen des Transnationalismus sind ungenau, verwirrend und unzureichend. Allerdings sind sich viele AutorInnen einig, dass transnationale Prozesse zwei oder mehrere Orte in mindestens zwei Nationalstaaten verbinden. Das transnationale Paradigma fokussiert die Bedeutung und Folgen von solchen mehr oder weniger dauerhaften Verbindungen, die über nationalstaatliche Grenzen hinausgehen. Transnationalismus als Phänomen ist ein Ergebnis multipler Zugehörigkeiten, Praktiken, Imaginationen und Dispositive, die aufeinandertreffen (vgl. Nowicka 2019, S. 106ff).

Die Begriffe ‚transnational‘, ‚Transnationalisierung‘ und ‚Transnationalismus‘ scheinen in der wissenschaftlichen Literatur omnipräsent zu sein. Man gewinnt den Eindruck, dass grenzübergreifende Beziehungsnetzwerke zwischen Menschen, Orten und Institutionen ein weit anerkanntes und gut untersuchtes Phänomen sind. Immer mehr SozialwissenschafterInnen bedienen sich des ‚transnationalen‘ Begriffsapparats, sowohl in der Forschung als auch in ihrer didaktischen Arbeit an Hochschulen. Die wachsende Popularität des Konzepts des Transnationalismus in Deutschland ist u.a. auf die Entwicklung der Forschung zur Migration zurückzuführen, wobei hier die Arbeiten von Thomas Faist und Ludger Pries besonders hervorzuheben sind.

‚transnational‘ vs. ‚international‘

In Abgrenzung zu ‚international‘ schlagen die meisten AutorInnen vor, diejenigen Praktiken und Phänomene als ‚transnational‘ zu bezeichnen, die lokal in den Nationalstaaten verankert sind, sich jedoch jenseits (grenzübergreifend) von ihnen entwickeln und vollziehen. Diese Definition deutet darauf hin, dass mit ‚transnationalen‘ Prozessen solche gemeint sind, die nicht zwischen Staaten, sondern zwischen nichtstaatlichen Akteuren ausgestaltet werden. Die Dauerhaftigkeit und Dichte solcher Sozialbeziehungen führt zur Entstehung eines neuen, transnationalen Raumtypus bzw. transnationalen sozialen Felder.

‚Transnationalisierung‘, ‚Transnationalismus‘ und ‚Transnationalität‘

Der Unterschied zwischen ‚Transnationalisierung‘ und ‚Transnationalismus‘ wird ebenfalls in der Literatur präzisiert. Dabei wird ‚Transnationalismus‘ generell als Forschungsprogramm bzw. eine Forschungsperspektive verstanden, ‚Transnationalisierung‘ dagegen verweist auf einen Prozess der Herausbildung grenzübergreifenden Netzwerke und Formationen, bzw. der Transformation bestehender Strukturen und Organisationen. Noch ein weiterer Begriff findet sich unter seinen Vorschlägen, nämlich ‚Transnationalität‘. Diese wird als Qualität der Individuen bzw. der Verbindungen verstanden und soll eine Auskunft über das Ausmaß der Konnektivität über nationale Grenzen hinweg geben. Allerdings wird in der Literatur mehrfach betont, dass nicht jede Art von grenzübergreifender Beziehung als transnational bezeichnet werden soll. Ähnlich führt nicht jede Migrantin oder jeder Migrant ein transnationales Leben, nur weil sie oder er in einem anderen Land wohnt.

Alle definitorischen Bemühungen gehen in eine Richtung: sie kreisen um das Verhältnis von ‚transnational‘ zu ‚national‘ und sie setzen Prozesse jenseits der Nationalstaaten in Beziehung zu den Nationalstaaten. Einige AutorInnen sehen Transnationalisierung als ein Prozess, der unmittelbar mit der Entstehung und Verbreitung des Nationalstaats zusammenhängt; somit soll man nicht von Transnationalisierung im Mittelalter sprechen. Mit dem Begriff ‚Transnationale Vergesellschaftung‘ bezeichnet man den graduellen Bedeutungsverlust der Nationalstaaten vis-à-vis den neuen sozialen Bewegungen, supranationalen Institutionen oder den großen Konzernen. Unklar bleibt allerdings ob Transnationalisierung als Ergebnis der Konnektivität über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg oder als deren Auslöser zu verstehen ist.

Methodologischer Nationalismus in der Kritik

Mit dem wachsenden Interesse an grenzübergreifenden Prozessen wurde auch zunehmend die Angemessenheit des Begriffsapparats diskutiert, der es ermöglicht, die Ursachen, Charakteristika und Konsequenzen dieser Prozesse zu erklären. Die methodologische Ausrichtung der empirischen Forschung auf zwei oder mehrere Orte in mindestens zwei Nationalstaaten und damit der Fokus auf grenzübergreifende Beziehungsnetzwerke verlangt nach methodischen Zugängen wie multi-sited ethnography oder matched-sample-Verfahren, die sowohl die Mobilität als auch plurale Verortung erfassen. Auch die Kritik des methodologischen Nationalismus in den Sozial- und Geschichtswissenschaften ist ein wichtiger Bestandteil einer transnationalen Perspektive, Mit dem methodologischen Nationalismus ist eine implizite theoretische und methodologische Perspektive gemeint, die den Nationalstaat als eine quasi natürliche Einheit zur Untersuchung sozialer Beziehungen vorsieht und ihn damit als einen selbstverständlichen Vertreter moderner Gesellschaften anerkennt. Mit der (unbewussten) Einnahme dieser Perspektive geht einher, dass die Forschung zu Diskursen, Loyalität, Solidarität oder Geschichte im nationalstaatlichen Rahmen konzipiert wird – und dass diese Konzeption keiner besonderen Erklärung bedarf. Allerdings wird Transnationalismus synonym zu nationalstaatlich-grenzübergreifenden Phänomenen und Strukturen verwendet, bleibt er der Logik des methodologischen Territorialismus verhaftet, für die (staatliches) Territorium und Gesellschaft kongruent sind. Der methodologische Territorialismus übersieht, dass Konnektivität in Raum und Zeit alle Kulturen und Identitäten mit formt.

Mehrwert der transnationalistischen Perspektive

Vielmehr schafft grenzübergreifende Konnektivität einen Kontext, in dem es die Wirkung der Nationalstaaten zu erforschen gilt. Was bringt es uns, grenzübergreifende Vernetzungen durch die transnationale Brille zu betrachten? Das transnationale Paradigma fokussiert die Bedeutung und Folgen von mehr oder weniger dauerhaften Verbindungen, die über nationalstaatliche Grenzen hinausgehen. Mit einer ‚transnationalen Brille‘ wird sichtbar, wie das, was kulturell-spezifisch und als gegeben erscheint, d.h. lokale (nationalstaatlich geprägte) Normen und Werte, zirkuliert und miteinander interagiert. Konnektivität führt zu Begegnungen und Interaktionen, die wiederum zu neuen Arrangements der Kultur führen. Gleichzeitig fokussiert der transnationale Ansatz die Kontinuitäten des Nationalismus und spricht deren Widerspenstigkeit an. Ein so verstandener Transnationalismus thematisiert den Nationalstaat und den Nationalismus, ohne ihn zu verpönen und seine Überwindung zu proklamieren. Stattdessen ist diese Perspektive für die Wechselwirkungen zwischen Nationalismus, Rechtspopulismus, Rassismus und Antisemitismus sensibel, die u.a. die Konzeptualisierung von Gesellschaften und Kulturen als geschlossene Einheiten verstärken.

Über die Autorin:

Prof. Dr. Magdalena Nowicka

ist Professorin für Migration and Transnationalism an der Humboldt-Universität zu Berlin und Leiterin der Abteilung Integration des Deutschen Zentrums für Integration  und Migration.

Forschungsschwerpunkte

Transnationale Migration in Europa, Kosmopolitismus und Konvivialität, soziale Ungleichheiten, Diversität, Rassismus und qualitative Forschungsmethoden.